Donnerstag, 20. 9. 2007:

Gnadenlos bimmelt der Wecker um 6.45 Uhr. Wie gewohnt, richte ich unser Frühstück, beeile mich aber, denn heute steht ein besonderer Trail auf dem Programm: Honopu Ridge Trail.

Viele Infos bekommt man darüber nicht, in einer Karte ist die ungefähre Lage mit „Honopu Route“ bezeichnet – von Trail keine Rede. Bei meinen Recherchen habe ich herausgefunden, dass es den Honopu Trail bis 1982 tatsächlich gab. Dann zog der Hurrikan „Iwa“ über Kaua’i, verwüstete u. a. den Honopu Ridge Trail und dieser wurde bis zum heutigen Tag nicht mehr instand gesetzt. Der frühere Weg sei schwer zu finden, das Gelände sei ebenfalls schwierig, außerdem teilweise sehr steil – demnach eigentlich das richtige für uns, denn auf Forststraßen bzw. Karrenwegen wandern wir nicht sehr gerne, wir suchen ein wenig die Herausforderung.

Wettermäßig ist es in Kapa’a – naja, lassen wir das Thema und hoffen wir, dass es im Nordwesten wiederum besser ist.

Bereits um 9.10 Uhr sitzen wir im Auto und fahren Richtung Koke’e State Park. Schon auf der Fahrt Richtung Westen stellen wir fest: Schönwetter Genau das, was wir möchten

Kurz nach dem MM 17 auf der Koke’e Rd. befindet sich in einer Rechtskurve ein „Parkplatz“, d. h., ein Teil ungeteertes Etwas, das man zum Parken nutzen kann. Mittlerweile hat es 33,8° C.
Wir ziehen unsere Wanderschuhe an, schnappen die Rucksäcke, die Film- und Fotoapparate und los geht’s, es ist 11.10 Uhr.

Nur ein kleines Stück laufen wir an der Straße hoch, passieren dabei einen linkerhand stehenden Telegrafenmasten und kurz danach – ebenfalls linkerhand – ist zwischen Koa-Bäumen ein weiterer Parkplatz zu erkennen, der jedoch zum Parken nicht empfehlenswert ist (Einbruchgefahr).

Wo ist aber nun der Trail Beschriftung gibt es keine, also darf der Spürsinn schon mal walten, wird aber nur wenig gefordert.

Der Einstieg in den Trail befindet sich links schräg gegenüber, es ist ein ganz schmaler Trampelpfad zu erkennen. Sonstige Pfade sind entlang des ganzen Parkplatzes nicht zu sehen.

Wir gehen auf Waldboden, der mit Wurzeln und Steinen durchsetzt ist, doch schon sehr bald liegt ein Baumstamm quer vor uns. Klar, das war der Hurrikan „Iwa“ 1982. Also drüber gestiegen, weiter geht’s. Rund um uns wachsen zahlreiche Koa’s, Ginger und Farne.

Obwohl der Trail mit blauen und ab und zu weißen Bändern markiert ist, verlassen wir uns im Moment nur bedingt darauf.

In einer Trailbeschreibung habe ich gelesen, dass man sich besonders am Anfang immer rechts halten soll und man solle sich nach den Bäumen richten, bei denen die Äste vorwiegend nach rechts weg gehen. Also, rechts halten geht ja noch, aber wie soll man Bäume identifizieren, bei denen die Äste vorwiegend rechts weg gehen Wenn wir jetzt zu zählen beginnen, wie viele Äste bei einem Baum rechts und wie viele links weg gehen, stehen wir morgen noch hier – mitten im Wald

Eigentlich wandern wir durch einen Märchenwald, die Bäume wachsen dicht an dicht, wir kommen gerade mit unseren Rucksäcken durch.

Doch um 11.20 Uhr, 10 Minuten ab Trailbeginn, steht vor uns tatsächlich ein Baum, dessen Äste nahezu ausnahmslos nach rechts wachsen Wir steigen über einen umgestürzten Baumstamm und tatsächlich geht rechterhand ein Trail weiter, der weiterhin mit blauen Bändern markiert ist.

Wir wandern durch unseren Märchenwald weiter, klettern weiterhin über umgestürzte Bäume, krabbeln manchmal unten durch, laufen slalomartig durch den Wald – es ist so kitschig schön

Um 11.40 Uhr kommen wir zu einer ganz kleinen Lichtung, auf dem – wie wir es nennen – das Wahrzeichen steht: ein hoher, abgestorbener Baum in weißer Farbe, von dem es nur mehr den Stamm und ganz wenige Äste gibt. Dahinter strahlt der blaue Himmel, das sieht echt gut aus Von hier aus haben wir auch einen Blick auf den Pazifik.

Weiter geht es durch den Regenwald, in dem nun auch mehr und mehr Ohia lehua’s wachsen, aber auch endemischen Farne, die uns die Beine zerkratzen, da wir 1. nur Shorts und keine lange Hosen (empfehlenswert für Empfindliche ) tragen und 2. der Weg nur ca. 30 cm schmal ist, sodass wir den Farnen nicht ausweichen können. Aber im Moment sind die Farne nur ca. 1 m hoch, das geht ja noch.

Gerade mal 10 Minuten später erreichen wir wieder eine Lichtung, auf der viele Farne wachsen, besonders rechterhand. Linkerhand geht es sehr steil bergab, ausrutschen ist hier leicht möglich, eine Verletzung dadurch nicht auszuschließen, aber abstürzen kann man wenigstens nicht, da einen die vielen Sträucher davon abhalten würden.

Dann tauchen wir wieder tief in den Wald hinein, gehen teilweise durch tunnelartige Gebilde – dieser Trail ist ein Erlebnis für sich

An der nächsten Lichtung angekommen, können wir Ni’ihau mit dem Sandstrand sehen und auch Lehua, wo die Bewohner von Ni’ihau jetzt wahrscheinlich auf Vogeljagd sind. Zu unserer Linken ist Awa’awa’puhi Ridge.

Ab dem jetzigen Zeitpunkt ist der Trail deutlich erkennbar, ist allerdings zuerst äußerst schmal, fällt etwas nach links ab und wir müssen sehr aufpassen, dass wir nicht ausrutschen. An einer Verletzung jeglicher Art haben wir keinerlei Interesse.

Doch jetzt ist Zeit, unsere Apparate in die Rucksäcke zu verstauen. Nicht, weil es zu regnen beginnt, sondern weil ein sehr steil abfallendes Gelände vor uns liegt.
Vor uns liegt die glatte Erde, es gibt keine Steine, an denen wir uns festklammern könnten, sondern nur ab und zu Bäume, die uns Halt geben. Auf diese Art und Weise „stürzen“ wir uns in die Tiefe, kurz darauf geht es steil bergauf.
Nach kurzer Zeit haben wir auch diese Stelle überwunden und kramen unseren Foto sowie den Filmer wieder heraus.

Plötzlich kommen uns zwei junge Männer entgegen, Schweiß überströmt. Ich frage sie, ob sie am Ende des Trails waren und sie antworten mit „yes, we’ve been there, but it’s one hour from here and it’s a realy hard work and – you will have a wonderful sight to the Na Pali Coast“. – So etwas Ähnliches haben wir uns schon gedacht…

Wir wandern weiter. Um 12.25 Uhr stehen wir vor einer Weggabelung.

Linkerhand geht ein deutlich erkennbarer Trail, mit einem weißen Plastiksack markiert, steil nach unten. Rechterhand geht auch ein Trail weg, markiert mit einem blauen Band, wobei ich weiter hinten im Trail ein rosarotes Band erkennen kann. Aus diesem Grund schließe ich im Moment, dass wir rechts gehen müssen.

Doch drei Minuten, nachdem wir rechts gegangen sind, drehen wir wieder um. Es ist mehr und mehr ein Dickicht, wo es kein Durchkommen mehr gibt. Wir sehen noch zwei oder drei rote Bänder, denen gehen wir nach, sie verlieren sich und wir beschließen, den anderen Weg zu begutachten.

Auf diesem anderen Weg sehen wir nach ca. 9 m eine blaue Markierung, wir werden nun bis auf Widerruf diesem Weg folgen, er ist hier ca. 70 cm breit.

Um 12.50 Uhr kommen wir zu einer ganz kleinen Lichtung, soll heißen, dass gerade oberhalb von uns mal keine Bäume sind. Rechterhand und linkerhand geht es steil bergab, wir gehen anscheinend auf einem Grat.

Nur eine Viertelstunde später legen wir bei einem quer liegenden Baumstamm eine kurze Pause ein. Gerade zuvor ging es ganz schön steil bergab, wir mussten mehr kraxeln als gehen. Wir sind uns nicht sicher, ob wir noch am Trail gehen, denn blaue oder rosarote Markierungen sehen wir schon eine Zeit lang nicht mehr. Erst jetzt, 5 m vom Baumstamm entfernt, entdecke ich ein blaues Band – sind wir also doch richtig

Wir wandern durch einen Farnwald, doch die Farne stehen so dicht bzw. der Trail ist so schmal, dass uns die Farne die Beine zerkratzen. Wenn jemand empfindlich ist, sind lange Hosen für diesen Trail empfehlenswert.

Linkerhand sehen wir Awa’awa’puhi Ridge, vor uns liegen Ni’ihau und Lehua. Rechterhand befindet sich das Honopu Valley und Kalepa Ridge.

Kalepa Ridge

Awa'awa'puhi Ridge

Zwischendurch tauchen wir wiederum kurz in den Wald ein, wo ein paar Fitnessübungen am Plan stehen – über quer liegende Bäume drüber oder bei Bedarf auch unten durch, dann wieder ein steiles Stück abwärts. Nur nicht an den Rückweg denken...

Endlich, um 14 Uhr, haben wir das Ende des Trails erreicht, so denken wir zumindest…

Unter uns liegt die Na Pali Coast, wir entdecken einen weißen Sandstrand, den Honopu Beach.

Wir haben einen fantastischen Blick auf den Pazifik und lassen uns unter dem einzigen hier wachsenden Baum nieder, um zu picknicken. Gibt es etwas Schöneres? Nur eines müssen wir bedenken: Dass wir für den Rückweg wahrscheinlich genauso lange brauchen werden wie für den Hinweg und vor allem, dass es relativ früh dunkel wird. Zwar haben wir Taschenlampen mit, aber bei diesem Trail… Nein danke, lieber rechtzeitig den Rückweg antreten.
Hubschrauber kreisen vor der Na Pali Coast und zeigen Touristen jene Stellen, die sie ansonsten nicht so leicht sehen können.

Unsere guten Vorsätze, nur eine kurze Pause zu halten, werfen wir wegen der schönen Blicke ins Tal über den Haufen und machen uns erst um 15 Uhr wieder auf den Rückweg. Es ist immer noch strahlender Sonnenschein, nur ab und zu gibt es ein paar kleine Wolken. Sieht ganz danach aus, als würden wir heute keinen Regen abbekommen.

Mit deutlich leichteren Rucksäcken geht es gleich viel schneller, obwohl wir uns – vor allem zu Beginn des Rückweges – immer wieder umdrehen und einen Blick zurück werfen.

Auch für die blühenden Pflanzen haben wir nun mehr Zeit.

Um 17.10 Uhr sind wir wieder am Parkplatz des Trailheads. Das war ein Trail ganz nach unserem Geschmack

Nun steht uns der Rückweg nach Kapa’a bevor, aber schon auf der Waimea Canyon Rd. kann ich nur mit Mühe die Augen offen halten. Michi macht den Vorschlag, das Abendessen mal nicht im Hotel, sondern in Grind’s Coffee in Waimea einzunehmen. Also wirklich - Grind’s Coffee hat nicht nur guten Kaffee (free refill beim normalen Kaffee), sondern auch ganz gute Speisen.

Um 21 Uhr sind wir schließlich im Hotel. Michi überspielt gerade die Daten vom GPS in die Topo Map und wir fallen fast in Ohnmacht! Das, was wir heute für das Ende des Trails gehalten haben, war erst ungefähr die Mitte! Der Trail ist zwar, wie viele andere auf Hawai’i, in der Topo Map nicht eingezeichnet, aber ich weiß mittlerweile von einer anderen Karte, wo das tatsächliche Trailende ist – und dort waren wir heute definitiv nicht Was wir aber wissen ist, dass uns die Zeit heute nicht gereicht hätte, also möchten wir den Trail so rasch wie möglich noch mal gehen und dann bis zum wirklichen Ende!

Michi legt sich schon ziemlich früh aufs Ohr, ich halte bis 0.30 Uhr durch, dann fallen auch mir die Augen zu.